Wie man einen mehrdimensionalen Charakter entwirft – Am Beispiel von „Heinz“

Ein häufiges Problem vieler Autoren ist ihnen leider oft nicht bewusst: Die Charaktere wirken oberflächlich, konturlos, eindimensional. Bei meiner Recherche zu diesem Thema bin ich auf verschiedenste Lösungsansätze gestoßen. Allesamt äußerst inspirierend und gut geschrieben, aber leider meist sehr theoretisch gehalten, selten mit einem Beispiel versehen.

Dem will ich hier abhelfen: Wir werden in diesem Beitrag einen Mustercharakter entwerfen. Ich nenne diesen Dummy liebevoll „Heinz“.

Im Normalfall hat man bereits eine vage Vorstellung, wie der Charakter beschaffen sein soll, beispielsweise ein zwielichtiger Schurke oder ein kauziger Professor. Der erste Schritt besteht also darin, zu überlegen, welche Rolle der Charakter in der Geschichte spielen soll.

Nehmen wir an, wir wollen einen Schurken entwerfen. Damit er sich organisch in die Geschichte einfügt, müssen wir uns wiederum überlegen, welches Genre wir bedienen und wie der Ton, die Stimme des Textes klingen soll. Schöpfen wir hier aus dem Vollen und sagen, wir brauchen einen Killer.

Das Genre steht fest, aber der genaue Inhalt der Geschichte nicht. Zu diesem Zweck benötigen wir eine grundlegende Story, um zu wissen, welche Bedingungen für den Charakter vorliegen.

Warum?

Der Schurke in einem Fantasy-Roman, der einer mittelalterlichen Welt nachempfunden ist, hat völlig andere Möglichkeiten als in einem realitätsnahem Roman der Neuzeit. Deshalb 😉

Nehmen wir also an, unser Mörder Heinz tötet bevorzugt junge Frauen, die bei einem großen Onlineversandhaus Glücksbärchiekuscheltiere bestellen. Jetzt benötigen wir allerdings noch ein Motiv. Ein möglichst starkes sogar. Ist Heinz geisteskrank? Oder ist ihm langweilig? Was treibt ihn dazu kuscheltierverrückte Teenager zu meucheln?

Sagen wir, Heinz sieht in den Glücksbärchies Boten des Satans, und er sieht den Auftrag Gottes, ja seine ganze Existenz darin, die unschuldigen Jugendlichen vor den Fängen des Bösen zu bewahren.

Und schon bekommt „Heinz“ mehr Kontur. Er ist nicht einfach nur der Böse, der tötet, weil er es kann. Nein, er hat jetzt einen ganz bestimmten Grund dafür. Er hat also ein Motiv.
Aber wir gehen noch einen Schritt weiter: Warum ist Heinz so vehement glücksbärchiefeindlich?

Dazu ein wenig Backstory: Man könnte beispielsweise sagen, dass Heinz in einer fanatisch-religiöse Familie aufwuchs,die Kindersendungen (insbesondere exempli causa die Glücksbärchies) als Verlockungen des Satans verteufelte. Schon wirkt Heinz gar nicht mehr so böse. Eigentlich kann er ja gar nichts dafür. Er wurde schließlich so erzogen.

Nehmen wir weiterhin an, sein Vater züchtigte ihn immer dann, wenn die Glücksbärchies im Fernsehen liefen, oder noch überspitzter, er musste sich ein solches Plüschtier als Sinnbild für seine Sünden ansehen, während er von seinem Vater mit dem Gürtel gestraft wurde um Buße zu tun. Jeden Tag.

Die Folge: ein lebenslanges Trauma und eine Plüschtieraversion.

→ In Verbindung mit der streng religiösen Erziehung haben wir einen Fanatiker mit Gottesauftrag.

Heinz hat also ein treibendes Motiv. Eine Möglichkeit braucht er natürlich auch. Sagen wir, er arbeitet bei genanntem Onlineversand im Büro der Bestellabwicklung. So kann er seine Opfer aufspüren. Diese Position bringt uns mehrere Vorteile: Zum einen entsteht eine weitere soziale Rolle, die des braven Büroangestellten, die im Kontrast zu seiner Rolle als Killer von Gottes Gnaden steht. Zum anderen kann Heinz auf diese Weise seine Opfer bequem aussuchen und aufspüren.

Den Kontrast dieser sozialen Rollen empfinde ich übrigens als äußerst reizvoll.

Und der Charakter bekommt mehr Tiefe, da er nicht nur als gnadenloser Killer gezeigt wird, sondern vielleicht auch als gemobbter Schreibtischhengst, der von den Kollegen regelmäßig auf die Schippe genommen wird. Schon diese zwei Facetten lassen Heinz menschlicher wirken, findest du nicht?

Fassen wir also zusammen:

Heinz arbeitet als Angestellter in der Bestellabwicklung eines großen Onlineversandhauses. Aufgrund seiner ultrareligiösen Erziehung und einem Trauma mit Glücksbärchies im Vordergrund sieht er sich selbst als Retter junger Frauen vor Satan, der in der Form von Glücksbärchiestofftieren die Welt heimsucht. Diesem Heldenkomplex verleiht er Ausdruck, indem er Frauen, die diese Stofftiere bestellen, tötet.

Man kann natürlich noch mehrere Dimensionen hinzufügen. Beispielsweise könnte man sagen, dass Heinz einen Rauhaardackel namens Rudi besitzt, der sein bester Freund ist. Mag man es gruselig, ist Rudi bereits vor zehn Jahren verstorben und Heinz hat ihn ausstopfen lassen, damit er seinen Freund nicht verliert.

Oder Heinz kümmert sich um seine Mutter, die im Rollstuhl sitzt, obwohl er sie hasst, weil sie ihn so streng fanatisch erzogen hat. Trotzdem kann er sich nicht von ihr lösen, weil es in den zehn Geboten heißt „Du sollst Mutter und Vater ehren“…und so weiter, die Möglichkeiten sind endlos.

Als Grundregel kann man sich Folgendes merken: Für Charaktere mit Tiefe, sollte man diese Rollen niemals von nur einer Seite zeigen. Jeder Mensch hat in verschiedenen Situationen unterschiedliche Rollen.

Beobachte dich einmal selbst. Wenn du mit deinem Chef sprichst wirst du anders sein, als wenn du mit deinen Arbeitskollegen sprichst. Oder mit deiner Oma.

Ebenfalls wichtig ist das Aussehen eines Charakters. Es ist zwar Geschmackssache, aber ich persönlich bevorzuge Schurken, denen man nicht ansieht, dass sie Schurken sind. Wir könnten Heinz zum Beispiel zum Gewinner des Bodybuilderwettbewerbs in Recklinghausen machen. Oder aber eher schmächtig. Beides hat seine Vorzüge. Aufgrund der Backstory entscheide ich mich hier für schmächtig. Es passt einfach besser zu einem Büroangestellten.
Außerdem wird es dann interessanter zu erklären, wie er seine Opfer überwältigt. Betäubt er sie? Erwürgt er sie? Vergiftet er sie? Oder geht er mit der Kettensäge wie ein Wahnsinniger auf sie los (Kontrast!) ? Der Fantasie sind dahingehend keine Grenzen gesetzt.

Nehmen wir also unseren schmächtigen Büroangestellten Heinz und geben ihm im Büro die Opferrolle: Sagen wir, er hat noch schütteres dunkles Haar und ist ohne seine Brille blind wie ein Maulwurf.

Kannst du ihn dir vorstellen?

Wir haben jetzt einen Schurken, der so gar nicht wie ein Schurke aussieht. Und genau deshalb kommt man auch nicht so einfach im Verlaufe der Geschichte darauf, dass er der Bösewicht ist. Man kann es natürlich auch anders machen, aber ich bevorzuge diese Variante.

Kurze Zusammenfassung:

Heinz arbeitet als Angestellter in der Bestellabwicklung eines großen Onlineversandhauses, wo er jedoch ständig gehänselt wird. Aufgrund seiner ultrareligiösen Erziehung und einem Trauma mit Glücksbärchies im Vordergrund sieht sich selbst als Retter junger Frauen vor Satan, der in der Form von Glücksbärchiestofftieren die Welt heimsucht. Diesem Heldenkomplex verleiht er Ausdruck, indem er Frauen, die diese Stofftiere bestellen, tötet. Er ist schmächtig, hat schütteres dunkles Haar, und ist ohne seine Brille blind wie ein Maulwurf.

Es ist ein wenig Arbeit, aber es lohnt sich, denn Heinz wirkt wie eine Person aus Fleisch und Blut. Er hat ein Motiv, das ihn antreibt und ein konkretes Aussehen.

Nach Belieben kann man das natürlich noch ausschmücken. Vielleicht hat Heinz einen Ordnungsfimmel, oder er muss nach jedem Mord sieben Ave Maria beten, bevor er den Tatort verlassen kann. Man kann auch bei der Kleidung die Schrauben ansetzen. Wie kleidet sich Heinz? Konservativ, seiner Stellung entsprechend? Oder eher schlampig? Ist er modebewusst, oder farbenblind?

Die Möglichkeiten sind unbegrenzt und wollen genutzt werden. Man könnte noch viel mehr zu diesem Thema schreiben, aber ich denke, für den Anfang hast du genug Starthilfe für deine Charaktere.

Denk einfach an Heinz.

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