Warum man für Charaktere eine Feile braucht

Hast du schon einmal ein Buch gelesen, das zwar einen richtig guten Plot hatte, in dem aber die Charaktere einfach nur unglaubwürdig oder unausgegoren waren? Ja? Du willst das sicher vermeiden, oder?

Folgender Merksatz:

Ist der Charakter nicht voll ausgearbeitet, wird er sich beim Schreiben unweigerlich wie ein kleines Kind in der Trotzphase benehmen. Er wird streiken. Einfach, weil er sonst nicht anderes kann oder will.

Aber wie baut man einen Charakter auf? Als allererstes sollte man die Rolle des Charakters festlegen: Brauchst du einen Bösewicht, mach ihn böse. Brauchst du einen Helden, modellier dir einen Helden, usw.

Das Interessante ist, das all diese Faktoren erst später zugeschrieben werden. Ersteinmal ist jeder Charakter ein unbeschriebenes Blatt. Eine Art „Hans Mustermann“ quasi.

Diesen Hans Mustermann nehmen wir jetzt und setzen ihn in eine Geschichte. Sagen wird, in unserer Story geht es um…

…einen Pornoregisseur, der sich in eine Darstellerin verliebt. Eben jene Dame jedoch will aus dem Geschäft aussteigen und ihren Freund heiraten. Der Regisseur beschließt den Nebenbuhler zu töten, um die Dame trösten und erobern zu können.

Hans Mustermann ist also Pornoregisseur und handelt aus Eifersucht. Es hätte auch der Freund oder die Darstellerin sein können, aber der Deutlichkeit halber habe ich mich für den Regisseur entschieden. Mit Eifersucht haben wir bereits ein Motiv und ein deutliches Klischee, das den Charakter bestimmt.

Wir nehmen unseren Pornoregisseur Hans und legen zuerst die typischen Details fest, die dem Klischee entsprechen:

Schmierig, Hawaiihemd, korrupt, unflätig, verlogen.

Alles Charaktereigenschaften für einen Bösewicht. Naja, außer dem Hawaiihemd vielleicht.

Wie sieht er aus? Sagen wir des Spaßes halber, er…

…hat zurückgegelte Haare, ist korpulent und kleinwüchsig, hat einen Schnurrbart und ist schon etwas älter. So um die 50. Zusätzlich trägt er eine dicke Goldkette um den Hals und eine Rolex, sowie immer eine Sonnenbrille.

(Sollte dies ein aufstrebender Vertreter der filmischen Aktkunst lesen, entschuldige ich mich aufrichtig, aber ich liste hier nur das Klischee meines inneren Auges auf 😉 )

Soweit so gut: Jetzt haben wir einen Charakter „von der Stange“ wie ich so schön sage. In unserer Geschichte soll es aber keine solchen Personen geben. Das bedeutet, wir müssen den Charakter weiter ausarbeiten.

Was kann man noch an unserem Porno-Hans verändern?
Man könnte jetzt sagen, er handelt zwar aus Eifersucht; aber das tiefergehende Motiv ist ein anderes. Wie wäre es mit…

…Hans war vorher Lehrer für Regie an einer Filmhochschule. Durch einen schweren Unfall kam seine gesamte Familie ums Leben. Er ertränkte seinen Kummer in Alkohol, und verlor alles andere. Durch irgendwelche Geschehnisse (dein Part

mein lieber Kollege, denk dir etwas aus), geriet er in die Pornoindustrie und hat dort einen zweifelhaften Ruf erworben.

Mit einem Schlag wird unser Leser Hans anders sehen. Nämlich nicht mehr als die Klischeefigur – sondern als den tragisch gescheiterten Regisseur, der durch sein Umfeld so verdorben wurde. Und wenn man solche Dinge mehrfach ausbaut, dann entstehen großartige Charaktere.

In dem man an den Details eines Charakters feilt, verleiht man ihm Tiefe. Also ran an die Feile.

??? Welche Möglichkeiten gibt es noch, die Charaktere tiefgründiger erscheinen zu lassen? Hinterlasse einen Kommentar!

 

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