Sich entführen lassen – eine Kreativitätsübung

Viele Wege führen zum Roman. Einer muss jedoch definitiv beschritten werden – der Weg der Übung.

Im Folgenden eine kleine Kreativitätsübung in zwei Schritten, die den Schwerpunkt auf die Figur legt.

Schritt 1: Überlege dir einen Namen für deine Figur.
Ich nenne meine übrigens Eli.

Schritt 2: Fang an zu schreiben.

Lass dich einfach von der Figur entführen.

Beispiel:

Eli hört sich für mich irgendwie hebräisch an, deshalb könnte meine Geschichte zum Beispiel in Israel spielen.
Ist Eli ein kleiner Junge oder ein erwachsener Mann? Ich denke er ist ein Junge.
Was passiert jetzt mit Eli?
Sagen wir, er erlebt gerade einen Bombenanschlag in Jerusalem.
Und Go!

Das Ganze jetzt ausformuliert in der Ich/Er-Perspektive und schon haben wir eine wunderbare Übungsgeschichte! 🙂

Anfangen könnte man das ganze zum Beispiel so:

Heute war ein ganz besonderer Tag. Es war mein Geburtstag. Und wie schon acht Geburtstage vorher machten wir einen Ausflug. Heute ging es ins Touristenviertel, Mama sagte, dort gibt es viel zum Anschauen. Wir standen gerade in der Schlange vor dem Museum, das hatte ich mir ausgesucht, als ich die Wahl zwischen Tempelberg, Tierpark und Museum hatte. Das Museum schien mir am interessantesten zu sein, da gab es viel zu sehen: Alte Gegenstände, die die Fantasie schweifen liesen, Bilder von Urmenschen und sogar Dinosaurierknochen!
Jetzt standen wir also da in der Hitze und warteten, dass wir hineindurften. Mama war heute schön angezogen. Eigentlich war sie immer schön, aber heute ganz besonders. Es war ja auch ein besonderer Tag. Endlich war es so weit, wir waren dran. Während Mama die Eintrittskarten bezahlte, betrachtete ich neugierig die anderen Menschen. Ein Mann erregte meine Aufmerksamkeit. Seine Augen lächelten mich an, er trug einen dunklen Anzug. Ich wunderte mich. Es war doch so heiß, warum trug der Mann einen Anzug und hielt die Hand in der Tasche versteckt? Ich beschloss nachher Mama zu fragen. Als Mama und ich schon unterwegs zu den Dinoknochen waren, bemerkte ich, dass der Mann ebenfalls ins Museum wollte – er zahlte gerade mit der freien Hand seine Eintrittkarte. Der geschorene Kopf lies ihn irgendwie seltsam wirken.
Und da waren wir. Die Knochen waren so groß! Größer als ich sogar! Bei ihrem Anblick kam ich mir winzig vor, obwohl Mama immer sagte, ich würde wachsen wie nochmal was.
Plötzlich fiel es mir wieder ein.
»Mama?«
»Ja, mein Schatz?«
»Ich hab vorhin einen Mann gesehen und wollte dich was fragen.«
»Was für ein Mann?«
»Der Mann im Anzug, der vorhin auch ins Museum…«
Ich wurde von der Druckwelle erfasst und weggeschleudert, Staub, Dreck und Dinoknochen flogen um mich herum. Neben mir schlugen Trümmerteile ein. Grauer Nebel dämpfte die Schreie im Raum. Ich sah einen orangefarbenen Schimmer in der Ferne, wo etwas brannte.
Mama lag neben mir, die Hand nach mir ausgestreckt, ihre Augen standen offen. Als ich meine schloss, wurde es dunkel, und ich schlief ein.

Natürlich könnte man die Geschichte um Eli jetzt noch weiterführen – was passiert mit ihm, was mit seiner Mutter? Aber an dieser Stelle lasse ich das jetzt mal so stehen. Vielleicht möchtest du die Geschichte ja weiterführen? Diese wirklich winzige Geschichte ist nur als Anreiz gedacht um dir zu zeigen, dass man allein aus einem Namen eine Geschichte basteln kann.

 

Frohes Schaffen,

L. […]

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