„Die Kraft eines Buches sind die inneren Bilder des Autors“ – Ein Gastbeitrag von Susann Sontag

Susann Sontag begleitet als Therapeutin, diplomierte Ernährungsberaterin und Coach seit über 20 Jahren Menschen in Lebenskrisen und ist Gründerin des „Lebensschritte-Verlags“. Der Lebensschritte-Verlag wurde im März 2013 zunächst als Selbstverlag gegründet, jedoch bald auch für andere Autoren geöffnet. Susann ist seit 2005 als Autorin aktiv, hat bereits mit Verlagen aller Größen zusammengearbeitet; im Laufe der Jahre baute sie sich ein Netzwerk auf und gründete, als schließlich alles zusammenpasste, den Verlag, getreu der Philosophie:

„Ein Buch ist sowohl ein Impulsgeber als auch ein guter Begleiter für neue Lebensschritte.“

Im Folgenden schreibt Susann von den eigenen inneren Bildern, der Kraft des Buches und der Bedeutung des Schreibens für sie selbst.

Ich bedanke mich für ihren äußerst inspirierenden Gastbeitrag und wünsche dir, lieber Leser ebenfalls viel Inspiration.

L.

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Die Kraft eines Buches sind die inneren Bilder des Autors

Jeder Mensch hat ein inneres Bildererleben. Das können Gedanken sein. Das können Impulse sein, die über das Hören empfangen werden. Das kann ein tiefes inneres Fühlen sein, das einem Wissen gleichkommt, eher mit Weisheit als mit angelerntem Wissen vergleichbar. Und es können innere Bilder sein, die auch als Bilder empfangen werden.
Bei allen Autoren, die ich kenne und auch bei mir selbst ist das Schreiben als solches von dem Wunsch beseelt, diesen eigenen inneren Wahrnehmungen einen sichtbaren, lesbaren Ausdruck zu geben. So wie ein Maler ein Bild malt. So malt der Autor mit seinen Worten.
Ich sehe den Zugang zu den eigenen inneren Wahrnehmungen als Schlüssel für die Tür an, hinter der ein Artikel, ein Blog, ein Buch auf seine Verwirklichung wartet. Wohlgemerkt: der Zugang zu meinen inneren Bildern, Gedanken und Wahrnehmungen! Habe ich diesen Zugang nicht – und mir passiert das bei manchen Büchern, die ich dann einfach nicht weiter schreiben kann – dann hilft mir auch der noch so geschickt konstruierte Plot nichts, dem Buch wird das Leben fehlen.
Habe ich diesen Zugang zu meinem inneren Erleben, dann beginnt die mitunter auch harte Arbeit des Schreibens. Zum einen gilt es, mein inneres Erleben zu sortieren, was ist für diese Geschichte, die ich gerade schreibe, relevant? Was ist nicht relevant? Zum anderen empfange ich während des Schreibprozesses viele Impulse von außen, die den Prozess mitgestalten wollen.
Diese Impulse, Gedanken und Bilder sind nicht „festhaltbar“. So habe ich entweder immer ein kleines Diktiergerät bei mir oder ein kleines Büchlein mit Stift. Wenn ich mir in den hunderten von Magic Moments, die mein Leben durchziehen, nicht sofort Notizen mache, dann ist der Impuls im Alltag verloren gegangen und mein inneres Bild, das durch den Impuls aus dem Keller meiner Wahrnehmungen ins Wohnzimmer aufgestiegen war, ist wieder im Keller versunken. Und in diesem Keller liegt vieles, was wie im Märchen hinter verschlossenen Türen liegt.
Vielleicht ist es vergleichbar mit einem Foto. In diesem Moment steht die Sonne genau richtig. In diesem Moment haben diese roten Früchte so eine unbeschreiblich lebendige Farbgebung. Wenn ich jetzt nicht auf den Auslöser drücke, sondern erst nach Hause laufe, die Kamera suche und dann zurückgehe, dann ist der Moment vorbei. Genauso wird er nie wieder kommen.
Diese Momente sind meine Momente. Nur ich erlebe sie in der Art. Nur ich erkenne sie in der Form. Mein Mann, der neben mir steht, nimmt genau den gleichen Augenblick ganz anders wahr. Ihm fiel nicht dieses lebendige Rot der Früchte auf, sondern er sah die Vögel im Himmel über dem Obstbaum. Wahrnehmung ist einmalig. Und so mag es vielleicht Millionen Bücher geben über reifes Obst im Herbst, und dennoch ist meine Wahrnehmung dieses Obstbaumes einmalig und dementsprechend ist auch meine Beschreibung dieses Obstbaumes einmalig.
Schreiben bedeutet für mich, dass ich meine innere Schatzkiste weit öffne, die Magic Moments meines Alltags als Impulsgeber hinzufüge, um gezielt in der Schatzkiste nach Passendem zu suchen und dann eine Sprache finde, die meine Leser anregt, in ihren eigenen inneren Schatzkisten auf Entdeckungsreise zu gehen.
Schreiben bedeutet für mich, ehrlich zu sein mit mir in meiner eigenen Wirklichkeit. Und diese – meine – Wirklichkeit so getreu wie möglich in Worten abzubilden. Es ist ein authentischer Prozess der Selbstverwirklichung. Ich schiele an dem Punkt weder auf zukünftige Leser noch auf zukünftige Umsätze. Ich spüre nur in mich hinein, ob ich meiner Wahrnehmung einen ehrlichen Ausdruck gegeben habe (Foto vom Obstbaum). Ich denke, nur so kann das fertige Buch später auch in der Wirklichkeit eines anderen Menschen eine für ihn wiederum einmalige und besondere Bedeutung haben, die ich nicht beeinflussen kann und will. Mein Leser hat den Impuls durch meine Worte genutzt. Auch in seinem Leben hat sich etwas Neues verwirklicht.
Schreiben erfordert auch eine gute Handwerklichkeit. Gerade wenn ich den Anspruch habe, meine Wirklichkeit zu schildern, mich selbst durch meine Worte zu verwirklichen, sollte ich handwerklich gut arbeiten. Welche Worte wähle ich, damit sie meiner Wirklichkeit gerecht werden? Welche Wirkung haben diese Worte auf einen anderen Menschen? Und was will ich bewirken? So wie der Begriff Wahrnehmung für mich sehr eng angegliedert ist an Wahrheit, die immer nur meine eigene sein kann. So ist der Begriff Selbstverwirklichung für mich sehr eng verbunden mit Wirken, Wirklichkeit, Werk und dann auch Handwerk. Ein Buch muss auch handwerklich gut gemacht sein, wie eine handgetöpferte Tasse, wie ein maßgeschneidertes Kleidungsstück oder die sauber gemauerte Wand meines Hauses. Dieses gute Schreibhandwerk ist Voraussetzung dafür, dass ich meinen Leser meine Welt zeigen kann und ihm genug Raum geben kann, seine eigene innere Welt zu entdecken.
Die Kraft eines Buches liegt in dem reichen inneren Erleben des Autors und seiner handwerklichen Geschicklichkeit, seine Leser daran teilhaben zu lassen. Letzteres kann man lernen und üben. Ersteres darf man in sich selbst entdecken.
Susann Sontag     www.lebenssschritte-verlag.de

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